Here the "true story of S/T" as
released in the booklet (S.O.S.02)
Drawing also out of the booklet, by Joachim
Gaertner

Die wahre Geschichte vom S/T
Anmerkung:
Sollte in Vergangenheit
je jemand die Unverschämtheit besessen haben, eine andere Geschichte zu erzählen, so
seie vor diesem Missetäter gewarnt. (der Verfasser)

Schwitzende, wabernde, dicke Bäuche
streifen durch das endlose Nichts der Galaxie. Dunkel, ja fast schon schwarz, erstreckte
sich das gigantische Plasma über den nicht vorhandenen Horizont.
Ja, ihr erinnert Euch auch, es war
der 23.September 1976 kurz vor acht Uhr morgens in der Innenstadt von Bottrop, als Mister
Miller den Rolladen seines kleinen Musikaliengeschäfts hochzog.
Es war wieder so ein gewöhnlicher
Mittwoch Morgen, der Postmann hatte wieder nur einmal geklingelt, und im Wust der
unbezahlten Rechnungen, die ihm der Bote in die Hand drückte, fiel sein Augenmerk auf den
einzigen Umschlag seit Januar, auf dem nicht MAHNUNG stand.
Sollte jemand an ihn gedacht haben,
einen Glückwunsch vielleicht ? Wofür ?
Nein, es bestand keine Veranlassung,
daran zu glauben, jemand würde sich die Mühe machen, ihm etwas zukommen zu lassen.
Ganz in Gedanken, sich erinnern zu
wollen, wann er die letzte Postkarte eines unbekannten Freundes erhalten hatte, schweifte
der Blick auf die Worte "Persönliche Mitteilung", die den Umschlag zierten,
fast wie Hand geschrieben.
Die kleine Kuckucksuhr in seinem
Laden rückte ihre Zeiger auf acht, und ein müder, von Alpträumen geplagter Vogel
quälte sich aus dem Holztürchen, um auf sich aufmerksam zu machen. Da fiel es Mister
Miller wieder ein, wann er die letzte persönliche Postkarte bekommen hatte. Es war im
August 1951, als er ein verlängertes Wochenende von Sonntagmorgen bis Sonntagabend im
Schwarzwald verweilte und die Zeit nutzte, sich selbst eine Urlaubskarte zu schreiben.
Ja, dachte er, damals
wollte er noch ein Geschäft mit Kuckucksuhren machen, doch hatte er nicht mehr
Finanzkraft als für dieses eine Exemplar, welches vor einer Sekunde auf sich aufmerksam
machte.

Die kleine Glocke an seiner
Ladentür klang verhalten, als er sein Geschäft betrat. Die Last der Rechnungen tragend,
kroch er hinter seine Theke, um das Papierbündel fein säuberlich in den Abfalleimer zu
legen. Einzig sein Brief mit den Worten "Persönliche Mitteilung" wurde
würdevoll auf die Glasplatte gelegt, unter der sich eine mickrige Auswahl Mundharmonikas
und Maultrommeln langweilte.
Er betrachtete den Brief vielleicht
eine halbe Stunde, als das Ladenglöckchen entzückt schellte.
Mit der rechten Hand vorsichtig
durch das schütterne Haar fahrend, blickte er zur Tür um einen einmeterachtig großen
Mantel zu sehen, einen Hut mit einem lustigen Kopf drunter.
"Entschuldigung,..." sagte
der sprechende Mantel, "...mein Name ist Horst, könnte ich mir bei ihnen einen
Hammer leihen? ".
Natürlich hatte Mister Miller
keinen Hammer; und hätte er einen gehabt, warum in aller Welt sollte er ihn einem Horst
geben ? Da hätte auch ein Klaus, Hubert oder Fritz kommen können...einfach so.
Da Miller also keinen Hammer
verleihen konnte, drückte er dem Mantel eine elektrische Gitarre in die Hand mit dem
Versprechen, sie wieder zurückzubringen.
Fast schon froh erklomm er wieder
seinen zersessenen Stuhl hinter der Ladentheke und schaute den Brief an. Froh vielleicht
nicht unbedingt, aber zufrieden mit sich, wissend, seine geistige Wette gewonnen zu haben,
daß es wieder ein Tag ohne Kunden werden würde.
Festlich griff er nach dem Umschlag
und suchte vergeblich nach einem Messer oder ähnlichem, um das noch jungfräuliche Papier
zu schlitzen.
Also riß er dem Ding den Kopf ab.
Zitternd griff er in des Umschlags Schacht, um ein Stück Papier zu finden, fein
säuberlich gefaltet, versehen mit dem Aufdruck "Wichtig, unbedingt lesen".
Was könnte schon wichtig sein,
dachte Miller, und wie ein Griff in die Steckdose durchzuckte es ihn, daß es womöglich
eine getarnte Rechnung sein könnte.
Eine kleine Perle formte sich auf
seiner Stirn, Nachwuchs zeugend. Starr blickte er auf seine Hand, die anfing
selbsstständig zu handeln, nichtsahnend, daß ihr Besitzer selbst schon genug zittern
würde. Die Perlen formten sich zu einem kleinen Rinnsal, seine linke Augenbraune
tränkend.
Laß mich einen Kaffee kochen und
darüber nachdenken, ob es nicht besser wäre, das Objekt der Angst ungelesen seinen
Kollegen im Dunkel des Abfalleimers nachzusenden.
Man konnte das Naß so wenig Kaffee
nennen, wie seinen Laden gutsortiert, aber es brachte seine Gliedmaßen grade zur
Beruhigung, als 1443 Hertz Türglöckchen sein Ohr trafen. Da stand er wieder, der lustige
Mantel mit Horst drin ohne Gitarre.
Einen Brief hätte er vor dem Laden
gefunden, mit dem Aufdruck "Persönliche Mitteilung", jedoch ohne Adresse, ob er
wohl ihm gehören würde und zog aus der linken Scheide seines Mantels den Bruder von
Millers Brief.
Dieser war so erschrocken und bot,
was nie seine Art war, dem Fremden Horst seinen Kaffee an.
Jener wollte jedoch nur nach einem
Schraubenzieher fragen und verließ Sekunden später den Laden mit einem elektrischen
Bass.
Wie das linke dem rechten Ei, so
glichen sich die Briefe auf Millers Theke.
Das Häufchen Elend auf dem Stuhl
ergriff allen Mut und entfaltete des Kummers Kind, wissend und deshalb erleichtert, nie
zwei gleiche Rechnungen am selben Tag bekommen zu haben.
Ein kurzer Blick seiner trüben
Augen versicherte ihm, das er nie eine Rechnung mit Abbildungen bekommen hatte, und hier
schoß es ihm bunt wie der Frühling ins Gesicht.
Grün, Blau, Rot.

"Verschönern Sie Ihr
Geschäft" stand oben drauf, dick, aufdringlich und nicht zu übersehen.
"Werbung ist der halbe Umsatz" stand klein drunter.
Und so las Miller den Schrieb mit
den Bildern und wußte danach, daß man es mit ihm sehr persönlich meinte. Man wollte, so
hieß es, daß es ihm, Miller, besser ginge, und daß es wichtig wäre große
Leuchtbuchstaben zu kaufen. Wetterfest, bunt, in jeder Form. Installation am selben Tag
ohne Aufpreis.
Natürlich überlas er die Hälfte
und kam mit sich überein, daß es doch nett wäre, daß die Firma ihm persönlich
geschrieben hatte. Und wichtig war es auch, denn er hatte den Beweis. Zwei Briefe mit
gleichem Inhalt.
Mister Miller Musikalien stellte er
sich vor.
Große, blaue Buchstaben bis zum
ersten Stock reichend.
Miller versank in Gedanken. Er lebte
auf.
Hätte man vor seiner Theke
gestanden, wäre ein kleiner Schimmer von Lächeln aufgefallen.
Ja, der Tag war anders für Miller;
es war kein Mittwoch wie Montag oder Dienstag,
es war sein Mittwoch.
Noch während er in sich gekehrt von
seinen blauen Buchstaben meditierte, bemerkte er den lustigen Horst ohne Gitarre und ohne
Bass einen Schatten auf die Theke werfen.
Er zuckte zusammen vor Angst, die
Türglocke könnte defekt sein und ihm neue Rechnungen bereiten, doch gab ihm sein
Gegenüber gleich die Antwort.
"Haben Sie die Tür nicht
gehört ? Sie brauchen sich nicht erschrecken."
Daß er es nicht brauchte, wußte
Miller sofort.
Tat er doch alle möglichen
unnützen Sachen tagein tagaus, ohne sie brauchen zu müssen.
"Hätten Sie eine Zange, mal
kurz", tönte es.
Nein eine Zange habe er nicht,
antwortete der Erschrockene, würde aber gerne eine Maultrommel gegen ein Telefon
tauschen.
"Dann nehme ich lieber eine
Mundharmonika" flötete der Mantel und griff in den rechten Schaft, um das Tragbare
herauszufingern.
Miller saß noch erstaunt gaffend
herum, als die Türglocke den Fremden verabschiedete.
Was hatte er getan ?
Noch nie war er im Besitz eines
Telefons gewesen. "Und dann noch eines ohne Kabel", dachte er.
Als cleverer Geschäftsmann, der er
nicht war, wußte er nur zu gut, daß das Telefon ihm seinen Wunsch von den großen blauen
Buchstaben erfüllen konnte.
Stand doch die Nummer der Firma
unübersehbar dort, wo man es nicht übersehen konnte.
"...blau müssen sie sein...und
groß" bellte er ins Telefon, völlig aufgeregt seinen ersten Anruf absolvierend.
"...was ?...genau !"
Dann legte er den Hörer zufrieden
in den Halfter zurück.
Er war jetzt stolzer Besitzer eines
Auftrags für große, blaue Buchstaben.
Und wieder machte sich eine kleine
Perle auf den Weg, die rechte Wange zu erreichen.

Die Glocke kündigte den grünen
Werkzeugkasten an, der mit einem einssiebenundsechzig großen Mann dran das Geschäft
betrat.
"Zwoundzwanzig Buchstaben für
Miller", kam es aus dem Hals, und der Werkzeugkasten landete scheppernd vor des neuen
Besitzers Füßen.
"Blau ?", fragte es hinter
der Theke hervor.
"Und groß !", antwortete
ihm die knapp einssiebzig, in ihrer Wichtigkeit wachsend.
"Dann mal los", freute
sich Miller und wollte grade dem Monteur die Position angeben, als die Uhr zwölf krähte.
"Mittach", nöhlte der
Werkzeugkasten und verschwand schneller, als der Kuckucksuhrkuckuck im Körbchen war.
Wut kroch Miller in die Leber, als
er vor seinem Laden stand.
Er, zweiundzwanzig Buchstaben und
ein nichtvorhandener bald zwei Meter grosser Werkzeugkasten, der wohl keinen Bock hatte.
Liebevoll streichelte er eines der
drei grossen Ms, die auf der Strasse standen. Was sollte er nun tun...Er, der
Musikalienhändler, mit seinen Buchstaben ohne Hoffnung.
Ein Hammer mit Horst dran bog um die
Ecke.
"Na wie, Alter" sprach der
Hammerhalter und zeigte Miller Schraubenzieher und Zange.
"Hab´ ich getauscht gegen die
Instrumente".
Traurig schaute sich der
Buchstabenbesitzer den Hammer an, und wie ein Blitz, der drei Minuten zum Einschlag
braucht, schoß es ihm durch den Kopf, daß der Zangenmann ihm was schuldig war.
Horst, der sowieso nichts vorhatte,
bot sich an, zweiundzwanzig große blaue Buchstaben für Miller anzubringen.
Schraubenzieher, Zange und Hammer
hatte er schon. Nun mußte Miller nur noch mit einem Keyboard aushelfen, um eine Leiter
einzutauschen.
Es dauerte kaum.
Nur die Winzigkeit von zweieinhalb
Stunden benötigte Horst auf der eingetauschten Leiter, um zweiundzwanzig Buchstaben in
der richtigen Reihenfolge anzubringen.
Zwar hieß es Mister Musikalien
Miller am Schluß, doch war der Buchstabenbesitzer so von der Schönheit geblendet, daß
er es nicht bemerkte.
Auch bemerkte er nicht, daß der
Mantel mit Horst drin noch auf der Leiter stand, als er diese zusammenklappte.
Ein stummer Schrei durchzuckte den
Mantel, als Hammer, Schraubenzieher und Zange aus seinen Händen glitten, um sich
krampfhaft an die zwei nächstbesten Buchstaben zu krallen.
"Mist....!" kam es, als er
in knapp drei Metern Höhe ein Drittel des Misters umarmte.
Konnte er doch in letzter Sekunde
links das große blaue S greifen, rechts sich am T retten.
Miller war zwischenzeitlich im
Geschäft verschwunden, um die Leiter zu verstauen. War sie ihm doch fast so lieb geworden
wie das Keyboard, welches er bluten mußte.
Langsam bogen sich die beiden
Buchstaben mit dem Mantel dran nach vorn.
Halt war nicht aufzutreiben in knapp
drei Metern Höhe.
Nichts schoß Horst in diesen
Augenblick durch den Kopf. Er wollte nur leben und versuchte sich vorzustellen, wie das
Leben an ihm vorbeiziehen müßte.
Grade als er an seinem sechzehnten
Geburtstag ankam, knallte er mit den beiden Buchstaben in der Hand auf´s Pflaster.
Natürlich schmerzte es.
Und als Miller aus dem Laden gerannt
kam, zog auch dieser sich Wunden zu.
Tiefe, stechende Schmerzen, ein
dumpfes Pochen im rechten Ohr, sowie ein Schimmer von blass-grauem Nebel vor seinen Augen,
tränenfüllend, als er drei Meter höher sah.
"Mi er Musikalien Miller"
stand dort, blau und groß.
"Was hast Du getan...?"
weinte er, einen sich aufrappelnden Mantel anschauend.
Ein verbeultes grosses S und ein
unbrauchbares T in der Hand haltend schaute auch Horst hinauf.
"Es tut mir leid" klagte
er, "wirklich leid".
So standen sie da, ein
ex-Gitarrenbesitzer mit Hammer und ein ehemaliger Keyboardbesitzer mit bereits verstauter
Leiter.
Traurig und allein, jeder für sich.
Von da an überschlugen sich die
Dinge.
Horst schenkte Miller die beiden
letzten Buchstaben seines Namens, die Instrumente wurden gegen das Telefon
zurückgetauscht, die beiden Briefe landeten bei den Rechnungen, Miller verschenkte auch
noch das I und das E, sowie zehn weitere große blaue Buchstaben an eine ansäßige Gyros
Stube, um fortan nur noch Mr.Miller zu heißen.
Horst dagegen fand von seinem
angeknacksten Namen nur noch ein S, kaufte sich ein E dazu und heißt seitdem Horse.
Man versuchte aus den Instrumenten
Töne zu erzeugen, nannte sich nach den Unglücksbuchstaben S/T, wurde sogar richtige
Freunde und versuchte sein Glück fortan zusammen. Das Glück war ihnen manchmal sogar
hold und sie spielten die Musik für den dunklen Plasmahimmel über Bottrop.
Die Gyros-Stube gibt es immer noch,
ihr Besitzer Kesal Imuinie konnte die Buchstaben gut gebrauchen und die Tasse Kaffee steht
immernoch auf der Theke.

Dies ist die wahre Geschichte von
S/T.
Und da Helden nicht sterben, gibt es
sie noch immer; auch den schwitzende, wabernde Plasmahimmel über Deiner Stadt.
End
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